Veronika Missel

Wollwesen erobern das Rotkreuzmuseum

Grottenwollme, Bartifone, bleiche Beine und Spinnenwesen haben sich in das Panoptikum des Rotkreuzmuseums geschlichen. Zwischen Rettungswagen, alten Rollstühlen und Verbandsmaterial tummeln sich allerlei kuriose Gestalten und warten darauf, von den Besuchern entdeckt zu werden.

Die Wollkünstlerin Veronika Missel hat unvorsichtigerweise die Türen ihres Ateliers offengelassen, dabei sind etliche ihrer Kreaturen entwischt und haben sich im Museum eingeschlichen.

Ganz besondere Gäste sind Clotho und Wilma, zwei scheue Wesen. Wenn Sie sich ganz vorsichtig nähern, werden Sie merken, dass sich die Beiden in langsam kreisenden Bewegungen wiegen.

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Eine weitere Arbeit von Veronika Missel finden Sie in der Fabrik: „protect me“ 150 Lätzchen aus alten Stoffen.

Protect me

Lätzchen: Kleine Stücke Stoff, die die Kleidung vor Unglück bewahren sollen. Das hat zu tun mit Ernährung, Fürsorge, Zuwendung. Aber auch mit aufpassen müssen, sich nicht schmutzig machen, sittsam sein.

150 Lätzchen, genäht aus uralten Stoffen aus dem Haus der Großeltern: Vorhänge, Tisch- und Bettwäsche, Schürzen, Hemden und sogar die Sonntagshose. Alt, ausgebleicht, verwaschen, zerschlissen. Und doch so vertraut und voller Erinnerungen. Gelebtes Leben.

Am ersten Januar 2021 nähte ich das erste Lätzchen. Und seitdem bis Ende Mai jeden Tag eines. Ich streiche einen Stoff glatt, schneide ein Stück davon ab, frage es, welches Stück heute dazu passt. Der Vorhang, der immer im Licht im Kinderzimmer hing, ist ganz brüchig. Die Rüsche hat, nach dem ich sie abgetrennt habe, dunkel- und hellrote Steifen, das merkte ich erst beim Bügeln. An einer blauen Schürze war ein Knoten im Trägerband. Als ich ihn aufknotete, war der Stoff im Knoten blau, sonst war er grau geworden. Diese Stelle ist wie eine Erinnerung.

Ich bestickte jedes fertige Lätzchen mit der fortlaufenden Tagesnummer.

In der Karwoche nahm ich mir einen besonderen Stoff vor: Das Misereor-Hungertuch von 1976. Es hing bei den Großeltern über dem Ehebett. Viele Erinnerungen sind schön, Manches war früher schlimm. Ein Teil der Lätzchen ist daher an Stacheldraht befestigt.

Veronika Missel

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Kurzvita:

Früher Krankenschwester und Hospizbetreuerin. Dann Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen: Bildhauerei und Zeichnen bei Mario Ohno, Armin Bremicker und Thomas Putze von 2011 bis 2016

Sie ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und lebt und arbeitet in der Nähe von Ulm.

Seit 2017 Mitglied im BBK Ulm, Kitakulturpatin in Ulm und Referentin der Hector-Kinderakademie Blaustein

Zahlreiche Ausstellungen und Installationen, u.a. in Magdeburg, Mannheim, Ulm, Nürtingen, Geislingen.